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Ab in die Tonne!

"Wissen", wird der Psychiater und Organisationsberater Fritz B. Simon zitiert, "ist ein anderes Wort für Lernbehinderung geworden (...) Solange ich glaube, daß 'ich weiß'. muss ich ja nichts mehr lernen." Wer kennt sie nicht, die ewig Wissenden, die mit ihrer Erfahrung "was noch nie geklappt hat", "wie es immer schon gemacht wurde", und was daher auch richtig sein muß, jeden neuen Vorschlag auf eine Prüfbank schicken, .....
Zugegeben: Der Titel ist geklaut. Andererseits kommt man an dem Schwerpunktthema des Wirtschaftsmagazins "brand eins" vom November 2010 nicht vorbei, wenn man sich konstruktiv mit unserer Zukunft beschäftigen möchte. Und einen besseren Titel gibt es für das Thema kaum.

Dabei geht es nicht um Schwarzmalerei oder düstere Zukunftsaussichten, ich bin auch nicht unter die Pessimisten gegangen oder träume von den guten alten Zeiten. In der Ausgabe von "brand eins" geht es um nichts weniger als um das konstruktive Vergessen.

Vergessen? Konstruktiv? Und was ist mit Wissensmanagement, dem Heben des Schatzes in den Köpfen unserer Mitarbeiter als Quelle sprudelnder Margen und Gewinne in der modernen Diensteistungsgesellschaft? Darum geht es auch: Diese, mit viel Euphorie und gutem Gewissen angestoßenen Projekte des Wissensmanagementes zur Erhaltung und dem weiteren Ausbau gemachter Erfahrungen sind ausnahmslos grandios gescheitert. Überlebt haben die Modelle, die einen permanenten Austausch von fachlich qualifizierten Menschen angeregt haben, der überdies durch eine regelmäßige "Frischzellenkur" mit immer neuen Teilnehmern an diesen Arbeitskreisen erneuert wird.

"Wissen", wird der Psychiater und Organisationsberater Fritz B. Simon zitiert, "ist ein anderes Wort für Lernbehinderung geworden (...) Solange ich glaube, daß 'ich weiß'. muss ich ja nichts mehr lernen." Wer kennt sie nicht, die ewig Wissenden, die mit ihrer Erfahrung "was noch nie geklappt hat", "wie es immer schon gemacht wurde", und was daher auch richtig sein muß, jeden neuen Vorschlag auf eine Prüfbank schicken, auf der er schon deswegen keine Chance hat, weil dort etwas geprüft werden soll, was der Vorschlag aus gutem Grund garnicht mehr enthält. Hans Markowitsch, Professor an der Universität Bielefeld und anerkannter Gedächtnisforscher: "Entscheidend ist doch: Wie komme ich an Wissen ran, und was mache ich daraus?"

Zu Vergessen, die Fähigkeit, in seinem Kopf Platz für Neues zu schaffen und mit dem vorhandenen substantiellen Wissen zu verbinden, ist eine der wichtigsten Fähigkeiten für Erfolg. In einer Zeit, in der eine überwältigende Flut von Informationen tagtäglich auf jeden Einzelnen von uns niederprasseln, ist es umso entscheidender, kurzfristig wichtige Informationsschnipsel nach ihrem Gebrauch auch wieder ohne große Emotionen in den gedanklichen Abfall zu befördern. Jedem von uns sind seine eigenen Schnipsel natürlich lieb geworden, sie haben Überzeugungen herausgebildet, haben vielleicht das aus einem gemacht, was sie/er ist. Das macht es so schwer. Wenn dann auch noch Investitionsentscheidungen, Verantwortung, Macht dazu kommen, ist das Vergessen und Neu-Ausrichten ein wahrer Kraftakt.

In der November Ausgabe von "brand eins" sind viele verschiedene, sehr interessante Artikel zu finden. Da geht es um so unterschiedliche Themen wie die Funktionsweise von "kollektivem" Wissen oder um die ewig lebenden Datenspuren im Internet. Es lohnt sich, dieses Heft zur Hand und sich selbst die Zeit zu nehmen, und einmal die eigenen Positionen einer eingehenden Prüfung zu unterziehen.

Zuletzt wieder eine Geschichte aus dem "wahren Leben". Ich habe kürzlich ein Unternehmen mit einer faszinierenden IT-Ausstattung besucht. Alles vom Feinsten, alles riesengroß, alles Schritt für Schritt in dem Bestreben zusammengebaut, am Ende die eierlegende Wollmillchsau zu schaffen. Alle Systeme, Sub-Systeme und Sub-Sub-Systeme hingen dabei am Tropf der allerersten Information, die vorhanden war und damals auch im Zentrum des wirtschaftlichen Erfolges stand: der Produktion!

Mit meiner Einladung verbanden die Geschäftsführer das Ziel, nun auch noch ein mobiles Fenster zu ihren Kunden mit diesem IT-Monstrum umzusetzen. Nach einer mehr als 3-stündigen Diskussion haben wir unser Meeting ergebnislos vertagt. Ideen von kleinen Mini-Alibi-Apps für Smartphones wechselten sich mit der ernüchternden Erkenntnis ab, auf einer alten Informationsmaschine zu sitzen, die zwar unablässig Informationen produziert, aber damit nichts zur künftigen Strategie des Unternehmens beträgt sondern nur alte Prozesse verwaltet.

Am Ende lastete die Gewissheit auf allen Beteiligten, daß eine Reorganisation der Strukturen mit einer Ausrichtung auf den Verbraucher eine nahezu unmenschliche Anstrengung bedeuten würde. Die Entmutigung angesichts der Aufgabe vermischte sich mit der Erkenntnis über interne politische Verstrickungen von Interessen und Machtsphären. Keine wirklich guten Voraussetzungen für mobiles Marketing. Aber wer weiß, vielleicht sprechen wir ja auch bei diesem Thema nur über einen kleinen Informationsschnipsel, der bald wieder einem neuen Thema Platz machen muß.

Und wenn auch, das Thema bleibt: Bereit für die Gegenwart!




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