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9/11/2011 - Wir wählen die Piraten

Es ist schwer, sich mit dem Thema 9/11 intellektuell zu beschäftigen, angesichts des individuellen Leids und der Unfaßbarkeit der Katastrophe. Wer die Bilder zum wiederholten Male gesehen hat, muß sich die Frage stellen, ob ein weiterer Artikel diesem Thema gerecht werden kann. Andererseits geht es um konstruktive Geschichtsbewältigung, und dazu soll dies ein Beitrag sein.

Denn es geht auch um die Frage, wie und wie stark die Ereignisse vom 11. September 2001 unsere heutige Lebenssituation prägen, sowohl individuell persönlich als auch kollektiv wirtschaftlich und politisch. Um das zu begreifen, muß man weitere 22 Jahre zurückgehen. Diese Arbeit haben sich bereits andere gemacht, zum Beispiel in einer sehenswerten französischen Dokumentation. Sie wurde in 2 Teilen im Programm des Fernsehsenders arte ausgestrahlt. Wenn Sie an unserer Zukunft interessiert sind, sollten Sie sich diese Dokumentation besorgen.

Ausschnitt Teil 1:


Ausschnitt Teil 2:


Permanentlinks zu arte:
Teil 1
Teil 2
Interview mit dem Filmemacher
Aufzeichnung eines Chats mit dem Filmemacher

In beeindruckender Weise wird in dieser Dokumentation die Verbindung zwischen dem amerikanischen Geheimdienst CIA und der radikalen islamischen Bewegung nacherzählt und deren Ursachen analysiert, ohne einer Verschwörungstheorie das Wort zu reden. Vielmehr wird das Spannungsfeld zwischen den handfesten, strategisch-militärischen Interessen und der unfaßbar nachlässigen Handhabung der politischen Führung der USA faktisch greifbar gemacht.

"Ein amerikanischer Thriller"


Das ist der Titel eines Buches von James Ellroy über den Mord an J.F. Kennedy. Auch dieser Roman ist sehr empfehlenswert, um unsere Geschichte zu verstehen, weil er ohne Verweis auf eine Verschwörungstheorie auskommt, wenn er die Geschichte des Mordes neu erzählt und die Verbindungen zu CIA, FBI und Castro's Kuba erwähnt. Anders als die Dokumentation, bedient sich Ellroy dabei allerdings nicht offizieller Dokumente und Interviews sondern der schriftstellerischen Freiheit, den weniger edlen menschlichen Beweggründen nachzugehen. Letztendlich wird eine kritische Masse aus Neid, Ehrgeiz, Stolz und krimineller Energie hinter Partikularinteressen in einer komplexen Beziehungsstruktur zur Ursache und Beihilfe des Verbrechens - auch von Menschen, die eingesetzt wurden, um im Interesse des Gemeinwesens zu agieren.

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Bringt man die Erkenntnisse der Dokumentation über 9/11 mit den Zutaten des Romans von Ellroy zusammen, braucht man keine Theorien mehr, um zu einer vollkommen neuen Sicht auf die Ursachen unserer neuesten Vergangenheit zu kommen. Die Erkenntnisse können uns alles andere als Recht sein, und sie werfen ein verstörendes Licht auf unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben. Eine Vergangenheitsbewältigung ohne diesen schonungslosen Blick wird es allerdings ebenso wenig geben, wie eine nachhaltige Korrektur hin zu mehr Lebensqualität.

Womit wir zur Gegenwart und den langfristigen Folgen der letzten 30 Jahre kommen. Lassen wir die Situation im Nahen Osten beiseite. Die gegenwärtige Situation in diesen Ländern und ihre Auswirkungen würden den Rahmen hier sprengen. Konzentrieren wir uns "nur" auf die aktuelle, allgegenwärtige Finanzkrise. Joseph E.Stiglitz, Universitätsprofessoer und Nobelpreisträger für Ökonomie, titelt seinen Artikel in der Financial Times Deutschland am 9. September 2011:

Der Preis von 9/11


Hier nur einige seiner Zahlen und Schlußfolgerungen. "Präsident George W. Bush kompromittierte mit seiner Reaktion auf die Anschläge Amerikas die Grundprinzipien, untergrub die Wirtschaft des Landes und schwächte seine Sicherheit". Das ist einer der ersten Sätze in dem Artikel von Stiglitz. In einem Zitat eines der führenden Köpfe der islamistischen Revolution aus der französischen Dokumentation lautete das: "Wenn Du die Amerikaner entsprechend attackierst, dann reagieren sie wie Cowboys." Gemeint sind die Reaktionen der amerikanischen Administration auf die politischen Bewegungen im Nahen Osten, ganz konkret die Kriege in Afghanistan und im Irak. Sie haben bis heute einen signifikanten Einfluß auf das tägliche Leben in der ganzen Welt.

Parallel zu den gestiegenen Verteidigungsausgaben, senkte die Bush-Administration 2001 die Steuern zugunsten der besser Verdienenden. Während wirtschaftliche Korrekturmaßnahmen aus Geldmangel unterblieben, kamen mehr als 600.000 heimgekehrte amerikanische Soldaten in medizinische Behandlung. Die künftigen Erwerbsunfähigkeitsrenten für diese Menschen werden sich voraussichtlich auf 600 bis 900 Mrd. Dollar belaufen. Weitere soziale Kosten der Kriege sind nicht kalkulierbar. 18 Kriegsveteranen täglich haben sich in den letzten Jahren selbst getötet. Die grob geschätzten Kriegskosten von 2.000 Mrd. $ fehlen an allen Ecken und Enden.

Das alles muß berücksichtigt werden, wenn die aktuelle Politik Obamas kritisiert und die weltwirtschaftliche Lage diskutiert wird. Die schrillen Töne der Tea-Party im republikanischen Vorwahlkampf tun dies definitiv nicht. "Al-Kaida erscheint, auch wenn sie nicht besiegt ist, nicht länger als die Bedrohung, die sich im Gefolge der Anschläge vom 11. September so gefährlich abzeichnete. Doch der Preis war enorm, größtenteils vermeidbar und wird uns noch lange plagen," ist das Fazit von Joseph E.Stiglitz. Die drastischen Sparmaßnahmen ohne grundlegende Strukturreform der amerikanischen Wirtschaft, so wie sie die Republikaner schon erzwungen haben, wird diese Dauer nicht nur verlängern sondern die angespannte Situation noch verschärfen.

Und Deutschland?


.... wählt die Piraten!!!
Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Die etablierten Parteien in Deutschland inklusive der Grünen haben offensichtlich keine Antworten auf die Herausforderungen einer Gegenwart, die ihnen und ihrer Wählerschaft zu komplex geworden ist, um sich konstruktiv mit ihr auseinanderzusetzen. Mehr noch: jede proaktive Politik, die sich gegen die Folgen der Politik der letzten 30 Jahre und ihre Sachzwänge wendet, wird vermieden. (Sehen Sie dazu auch meinen Blogeintrag "Sicher durch die Krise"). Da ist es verständlich, daß sich mit den Piraten eine weitere Protestpartei etabliert, die sich vorwiegend durch eine ablehnende Haltung gegenüber einer Realität definiert, die sogar der Mutter aller Protestparteien, den Grünen, unzugänglich bleibt.

Wenn der Tod der 3.000 Menschen im Zusammenhang mit dem Anschlag auf das World Trade Center und die vielen Toten der Kriege im Nahen Osten auf beiden Seiten einen Sinn bekommen sollen, dann müssen wir uns gegen die Folgen dieser Vergangenheit zur Wehr setzen - aktiv und mit konkreten Vorstellungen für unsere Zukunft.
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